Jamming2006

PITB 11 Alter Schwede - ja wie geil ist das denn…

Der Versuch einer Bestandsaufnahme.
Die Mutter aller Fragen lautet, was geschieht, wenn sich Althippies und der Nachwuchs der Szene verbandeln, um ein konspiratives Spiel auf der Sonnenseite des Lebens zu spielen?

Genau, über Plauen scheint die Sonne und das altehrwürdige Malzhaus darselbst  lässt das vermutlich legendärste Kellergewölbe des Paralleluniversums in einem hellen Glanz erstrahlen, so dass man fast meinen möchte, es rentiere sich gar nicht groß das Licht anzuschalten!


Der Hippieausdruckstanz kann beginnen… Halt nein, kann er doch noch gar nicht. Da war ja noch die Sache mit dem Parkplatz. Man mag nicht glauben, wie lange es dauert, bis sich alle Leute die sich im Lauf der Jahre herzlich geworden sind, einmal begrüßt haben. Und die die neu hier sind werden gar nicht erst lange gefragt. Man muss sie einfach mögen. Ist schließlich bislang schon jeder mit der Erkenntnis einer gewissen nachhaltigen Glückseligkeit wieder heimgefahren. Dass werden wir heuer auch schaffen, wart nur ab, der Wind steht günstig. Man kann es riechen…

Nur einer kam zu spät, aber das soll er besser mal selber erzählen.

O-Ton Ralph:

»Sänk yu for trävelling wiz Dschörmän Räilwäy!«

 Habe ja schon einige mit der Deutschen (Bundes-)Bahn erlebt, aber auf der Fahrt zum PITB ein kaum noch zu toppendes Highlight erfahren.

Ich fuhr auf meiner Reise von Bonn nach Plauen mit dem ICE nach Wien. Kurz vor der Durchfahrt durch Bingen Hbf  eine Durchsage: der Zug müsste ausserplanmässig auf dem Bahnhof Bingen Hbf halten. Die Strecke nach Mainz wegen Personen im Gleis gesperrt, Polizei wäre schon unterwegs, die Sperrung aber noch  10-15 Minuten andauern.

Weiter sagte der Zugchef: die Fahrgäste könnten auf den Bahnsteig gehen, sich die Beine vertreten oder die Raucher eine Zigarette rauchen. Er würde Bescheid geben, wenn die Fahrt weiter geht.

Und so verließ ich den Zug, hielt mich aber in der Nähe der Türen vom letzten Wagon auf. Das Zugpersonal stand auch beim Zug, allerdings weit vorne. Plötzlich stiegen die Zugbegleiter in den ICE ein, schauten noch zu uns zum Zugende, und bevor man es realisieren konnte, schlossen sich die Türen,

UND DER ZUG FUHR AB!

Keine Durchsage, kein Ruf: "Einsteigen!", keine Trillerpfeife...

Neben mir waren noch zwei Frauen, die ebenfalls den Zug verlassen hatten, von dieser Situation überrascht worden. Ihr könnt euch unsere Gesichter vorstellen, wie da der ICE samt unserem Gepäck entschwand...

Erschwerend kam hinzu, dass die eine Frau ihren Flug nach Cuba erreichen wollte, die Flug- und Zugtickets sich aber in ihrem Gepäck befanden. (ich schieb mich mal kurz ein: deswegen soll man ja wichtige Reisedokumente auch immer am Körper tragen!)

Wir haben dann im Binger Hauptbahnhof nach Bahnpersonal gesucht, aber der Bahnhof war wohl an diesem Feiertag komplett unbesetzt, bzw. keiner reagierte auf unser Rufen und Klopfen, obwohl in dem hinteren Dienstgebäude einige Fenster aufstanden. (schon wieder ich: was bitteschön ist das den für eine Arbeitsmoral?)

Schließlich entdeckten wir "Gestrandeten" den Lokführer von der Regionalbahn nach Kaiserslautern, der gerade seine Pause machte. Der hat sich sehr engagiert und viel mit seiner Zentrale telefoniert, dass unser Gepäck aus dem ICE  rausgeholt wird, bevor es evtl. noch in Wien landet. Ob es wirklich da sein würde, wo es uns versprochen wurde, darum haben wir gebangt.

Wir mit einem Eurocity nach Mainz, wo sich die Frau, die unbedingt noch ihren Flieger erreichen wollte, ein Taxi nahm.

Mit der anderen Frau zusammen fuhr ich nach Würzburg, wo ich plamässig umsteigen wollte. Und tatsächlich konnten wir unser Gepäck bei der Bahnhofsaufsicht abholen.

Ergebnis: zwei Stunden später angekommen als geplant, sage und schreibe neun Mal musste ich umsteigen und meine Nerven waren arg strapaziert.

Ich gehe nicht davon aus, dass der Zugführer seine Fahrgäste - auf gut Deutsch gesagt - "verarschen" wollte. Sollte er aber einfach vergessen haben, was er nur fünf Minuten vor seinen abrupten "Abdampfen" seinen Passagieren durchgesagt hatte, dann zweifele ich an seiner Diensttauglichkeit. (er nu wieder: sind die immer noch verbeamtet?)


Get on the bus! Meine Wohlgesonnenen Damen und Herren, bitte schnallen Sie sich an, wir fahren gleich los.

Wir transmittern sozusagen gerade direkt in das Paralleluniversum. Als Reiseleiter stehen Ihnen zur geneigten Begleitung beiseite: Cosmic Finger

Kosmisch war es wahrlich! Die Finger waren am nächsten Morgen auch noch alle dran, schlichtweg ein gelungener Einstandsabend…


Der Tag steht zu Ihrer freien Verfügung. Das Gefühl  mag nicht vergehen, dass uns die Eingeborenen mögen. Die Bevölkerung von Plauen steht offensichtlich auf dieses bunte Volk, welches niemandem wehtut und sicherlich ein klein bisschen exotisch anmuten mag. Ich warte eigentlich jedes Jahr drauf, dass sie gleich Glasperlen tauschen wollen.

Wie vertreibt sich nun ein Hippie, schlagartig zwischen Wirklicher Welt und dem Paralleluniversum pendelnd die Zeit während des Landgangs? Fragen über Fragen. Und man mag gar nicht glauben, wie kreativ diese Bande sein kann. Aber hallo.

Die einen fahren mit der Bimmelbahn nach Bäähmen, das sind die Reisenden, die gar nicht genug bekommen können, Kultur um jeden Preis (siehe unten).  Die Fraktion Schwyz  macht sich in ein Wellnäss-Bad weg, welches seit dem nur noch unter dem Namen Prinz Albert bekannt ist. Aber wie schon im Vorfeld vermutet neigen unsere Wilhelm Tells nach einer gewissen Zeit eh einfach zum albern werden (Nik, ich warte immer noch auf ein paar Zeilen!). Wir gönnen ihnen ihren Spaß!

Und dann sind da noch die, die einfach nur dösen, um den Abend in der psychedelischen Achterbahn schadlos zu überstehen. Gleich merkt man, das sind die Erfahrenen, die schon öfter dabei waren und gelernt haben mit ihren Kräften umzugehen.

Aber dazu wiederum mehr von O-Ton Ralph:

»Da die Deadheads-Festivalitäten immer so intensiv sind, braucht der Head tagsüber Entspannung«

So gibt es zum einen die Möglichkeit, mit anderen Deadheads im Biergarten oder in der Parking Lot abzuhängen. Da besteht allerdings die Gefahr, dass man schon zu sehr für den Abend trainiert und am Selbigen nichts mehr mitkriegt.

Alternative: ein Ausflug in das reizvolle Vogtland oder zum Erzgebirge. Oder ein Trip nach Böhmen, welches nur eine Auto- oder Bahnstunde von Plauen entfernt liegt.

Im wirklich sehenswerten Karlsbad war ich schon mal. Frank P. (Stash) und ich überlegten, nach Marienbad (Mariánské Lázne) zu fahren. Da wären wir allerdings zu spät zurückgekommen. Also Franzensbad (Františkovy Lázne).

Und so setzten Frank und ich mit dem billigen Egronet-Ticket in das Vogtlandbähnle und zuckelten über die Berge nach Tschechien.

Die Natur im oberen Vogtlands (Ausläufer des Erzgebirges) ist wunderschön und die Bahn tanzte Walzer in den Kurven. (Jungs, ich dachte ihr wolltet euch erholen, gebt mir bitte auch was von dem Zeug!)

An der höchsten Stelle bemerkten wir einen nostalgischen Sound: Schienenstöße! Wir waren in Tschechien angelangt, wo die Schienen nicht verschweißt werden. Die hörten wenig später auf, fingen dann wieder an, hörten wieder auf, bis es endgültig ratterte.

Die Bahnhofsansagen wurden nun zweisprachig. Weit geht der Blick gen Osten auf den Hauptkamm des Erzgebirges.

Als der Zug nach Franzensbad einfuhr, beschlossen wir, doch weiterzufahren, da uns der Ort zu klein erschien, um die Stunden bis zur Rückfahrt auszufüllen.

Unser Ziel war nun Cheb, das alte Eger, Vom Bahnhof geht es in 20 Minuten an vielen in grellen Farben renovierten Häusern vorbei runter zum Marktplatz. War Start und Ziel für ein Mountainbike-Radrennen, welches in den engen Kopfsteinpflastergassen der Altstadt tobte und die Radler auch mal eine Treppe runterfahren mussten. Gab zwar einige Streckenposten, aber jeder musste selbst aufpassen, dass er nicht in einer Kurve von einem Radfahrer über den Haufen gefahren wurde, da die Strecke nicht abgesperrt war (da lässt man sie mal alleine weg: oh mein Gott, Hippies, erst links dann rechts gucken, dann kommt man auch sicher über die Strasse!)

Nach einem Altstadtrundgang labten wir uns auf dem Marktplatz an einem böhmischen

Essen und dem leckeren tschechischen Bier zu Klängen von "Smoke On The Water" und anderen Songs vom Machine Head Album. Untermalt wurde das Essen nämlich von einer Hardrockband.

Es war etwas mühselig, so gefüllt wieder vom Egertal hoch zum Bahnhof zu laufen, wo schon unser Zug wartet, der uns zurück zum Deadhead's Heaven brachte...


Alter Schwede… Das abendliche Folkloreprogramm kann beginnen.

Es ist für mich immer wieder erlabend in die Wurzeln der amerikanischen Volksmusik einzutauchen. Es hat etwas zwischen vertraut und durchgeknallt,  Für diesen Teil des bunten Abends haben sich die Veranstalter dieser Reise Apache Blanket einfallen lassen, sauber sag ich.

Und ab jetzt fehlen selbst mir schlichtweg die Worte! Formte sich mein Bild über Schweden, offen gestanden war ich da noch nie, doch nur aus unsäglichen Mückenschwärmen, streunenden Elchen, Bastelregalen und explodierendem Dosenfisch. An diesem Abend haben mir die Wikinger aber mal so richtig eine vor den Latz gegeben. Die Lok die da anrollt und immer mehr Fahrt aufnimmt heißt Mr.Morning.

Anhalten? Unmöglich! Wo soll dieser Ausflug nur hinführen. Um es vorweg zu nehmen: die Crew auf diesem Zug ist grandios. Nicht nur dass sie uns wieder sicher und wohlbehalten in den Bahnhof zurück gebracht hat, nein das Wochenende hatte plötzlich ein Motto. Das wird noch lange für nostalgische Schwärmereien sorgen.

Zugegeben, diesen Satz habe ich aus dem Forum von SvendEugen geklaut, aber es trifft den Nagel auf den Kopf:

„Fast noch besser und entscheidender sind für mich aber all die Dinge die inmitten der sie einschließenden Klammer der Musik geschehen sind, all die Gespräche und Begebenheiten, die sich rund um das vordergründig Wesentliche ereignet haben.“

Die Reiseleitung gibt ihr Bestes…


Und dann war ja noch die Sache mit dem Fußball Samstagnachmittag, 15.30 Uhr. Das Finale in der Bundesliga. Die Spannung steigt, die Musik von gestern hat sich eh schon eingebrannt, die Philosophie beginnt. Interessant wer sich so alles zu seinem Favoriten auserkoren hat. Auf die Zweite der 60ger Löwen wäre ich ja nie gekommen. Wir haben ihn trotzdem mitgenommen.

Martel als einziger Bayern-Schnösel hat gleich gekniffen und Arne hat sich hinterher gefreut wie ein kleines Kind. Die Spannung steigt ins unerträgliche – und ich brauche erstmal Tabak.

Und komme etwas später in den wohl größten  Spielundhaugeldraus-Tempel Plauens.

Die Langhaarigen bevölkern die Kegelbahn, wow ein originelles Bild! Vermutlich hatten sie weniger Bange um die Bahn als um ihren guten Ruf. Mit was vertreiben sich eigentlich alle Ignoranten die Zeit, die nicht dabei sind?

Arne freut sich immer noch, der Drops ist gelutscht!!!


Umpf-tscha-umpf-tscha-ba, die Beatbox greift an! Aber bevor die Klingonen zu ihrem Eingriff in den Space kommen, muss vorher noch ein wenig ausgeholt werden. Und da muss ich jetzt einfach Arne zitieren:

"Entstehung und Geschichte des modernen Hippie-Ausdruckstanzes und seine Auswirkung auf die menschliche Psyche". Boah häh?

Ronald installiere doch bitte endlich einen Live-Ticker…

Nebenher läuft grad wieder die Lok warm, richtig Mr. Morning heißt sie. Ich verspreche auch hoch und heilig, nie mehr ein Buch in mein schwedisches Bastelregal zu stellen ohne an sie zu denken, alter Schwede, soweit habt ihr mich schon!

Nun, jawohl alle haben es erwartet, bzw. eben nicht, die Außerirdischen rücken an. Wie das eben mit älteren Hippies so ist, manche brauchen ein wenig um zu realisieren, dass gerade das 21.Jhd. geschrieben wird. Science-Fiction meets Heile Welt. Kontraste wie auf einem Kodakfilm, hab ihn selig.

Die Rapper fallen ein und wir fallen um…

Ich mag so was. Wenn von der Bühne ein Feedback auf das Publikum klatscht und umgekehrt. Die beiden, in meiner altersbedingten Ignoranz komme ich nicht umhin Erkan und Steffan zu sagen, haben uns gerockt. Nicht lange. Aber dennoch Tür und Tor geöffnet, wer und was wir eigentlich sind. Eine Brücke zwischen hier und Anderswelt, ohne den Respekt voreinander zu verlieren. Toleranz hat ein Gewölbe. Und irgendwie wirst du immer bereichert!

Hippie trifft auf (Hip-) Hop. Die Zweifler waren beeindruckt. Und ich glaube keiner kann es schöner sagen als Arne:

"Die Entwicklung des deutschsprachigen Sprechgesangs von Walther von der Vogelweide bis heute" durch unsere Referenten Walther und Moogs & Ziggy.

Jungs, allererste Sahne, auf baldiges Wiedersehen!


Warum kommt man in Plauen nie vernünftig in sein Bett? Tja, das wird wohl die ewig ungelöste Frage bleiben. Sicherlich haben die Cosmic Finger noch mal ihr Bestes gegeben. Noch einen Restabend vom Allerfeinsten hingelegt. Die Reiseleitung leistet volle Arbeit. Aber was geschieht danach, warum ist es schier unmöglich sich dem ganzen zu gegebener Zeit zu entziehen?

Seid ihr das etwa alle? Ihr alle die dabei gewesen seid? Mit denen bis spät noch angeregte bis alberne Gespräche geführt wurden? Ist es die geile Musik, die nach den Shows vom Band läuft? Sicherlich, wir könnten uns mal so zusammensetzen. Aber Hand aufs Herz, dann wäre es nicht Plauen!


Anstatt Lobeshymnen: Zu guter Letzt wäre jetzt eigentlich noch ein wenig Lobsudelei anberaumt. Nur, wem dankt man zuerst und am meisten, wen vergisst man vor lauter Aufregung? Da soll sich doch bitte jeder selbst angesprochen fühlen, was er zu diesem Highlight beigetragen hat. Unterm Strich steht jedenfalls nur eine Summe:

Leute ihr wart wunderbar!!!

What a long strange trip it’s been?

Kinners, ich werde wieder mit euch allen verreisen…


Micha


Und Ralph hat  auch noch einen:

»Ach ja, will gar nicht darüber reden, dass ich auch bei der Rückfahrt von Plauen nach Bonn am Sonntag 40 Minuten verspätet angekommen bin« (alter Schwede…)