Jamming2006
Warren Haynes Interview – Köln, 26.09.2006 von Bernd Ubben
Abraham Lincoln versprach jedem amerikanischen Sklaven nach dessen Befreiung ein paar Hektar Land und ein Goverment Mule, ein abgehalftertes Mautier, das den Neuanfang erleichtern sollte. Ein Goverment Mule umschreibt auch umgangssprachlich das Hinterteil einer gut ausgestatteten Südstaaten-Lady. Doch in erster Linie ist ein Maultier sicherlich einfach nur ein verdammt hart arbeitendes Tier, und genau das umschreibt Gov´t Mule, die seit 1994 bestehende Gruppierung um Leittier Warren Haynes wohl am besten. Dieser darf ohnehin wohl ohne falsche Bescheidenheit als „hardest working man in music business“ bezeichnet werden. Zeitweise in drei verschiedenen Bands tätig, die auch noch Touren zusammen absolviert haben (Gov´t Mule, The Allman Brothers Band, Phil Lesh & Friends), stand er an solchen Abenden bis zu sieben Stunden auf der Bühne. Kürzlich fand die 1000. Gov´t Mule statt, dabei hatten Gitarrist Warren Haynes und Bassist Allen Woody, die in den Neunzigern zusammen bei den Allman Brothers tätig waren, die Formierung zunächst mit Drummer Matt Abts von der Dickey Betts Band nur als Nebenprojekt aus der Taufe gehoben. Mittlerweile ist das siebte Studioalbum „High & Mighty“ auf dem Markt, hinzu kommen drei monumentale Live-Mitschnitte. Nach dem tragischen Tod von Bassmann Woody im Jahre 2000 rappelten sich Haynes und Abts schnell wieder auf, um mit 25 verschiedenen Bassisten (darunter Rocklegenden wie John Entwistle und Jack Bruce [und Mike Watt]) die beiden Alben „The Deep End Vol. I & II“ aufzunehmen, ein wohl einzigartiges Projekt im Rockgeschäft. Es folgten Touren mit ständig wechselnden Bassisten, doch nach einem fulminanten Fünf-Stunden-Konzert in New Orleans (ebenfalls auf CD/DVD erhältlich), das das Ende dieser Ära markieren sollte, entschied man sich dafür, mit Ex-Black-Crowe Andy Hess am Bass und Ex-Warren-Haynes-Band-Keyboarder Danny Louis einen richtigen Neuanfang als Quartett zu wagen. Mittlerweile hat sich die Band durch drei Kurztrips nach Europa selbst hierzulande fest etabliert, sodass nun auch mit regelmäßigen Touren gerechnet werden darf. Am 26.9. fand ich mich vormittags im Kölner Hyatt-Hotel ein, um eine halbe Stunde lang mit einem gut aufgelegten und redseligen Warren Haynes unter anderem über den neuesten Geniestreich der Band („High & Mighty“, seit knapp sechs Wochen auf Blue Rose Records erhältlich) zu plaudern.
Bernd Ubben: Du bist zum ersten mal nur zu Promotion-Zwecken in Europa unterwegs. Wie gefallen Dir solche Aufgaben?
Warren Haynes: Noch genieße ich solche Sachen. Ich wünschte zwar, wir würden auch Shows spielen, aber nachdem wir realisiert hatten, was uns der europäische Musikmarkt bieten kann, müssen wir uns diesen Markt natürlich auch durch solche Maßnahmen erschließen. Das neue Album kam nun auch in Europa wesentlich schneller auf den Markt als bisher, und es liegt uns sehr am Herzen, immer wieder auf Europatour zu kommen. Es ist uns zunächst wichtig, ein solides Fundament in Europa aufzubauen.
BU: Ich hatte die Hoffnung, dass Du eventuell die ein oder andere Radioshow spielen würdest, was aber leider nicht eingetreten ist
WH: Das lag aber leider nur an unserem engen Zeitplan. In Mailand und Madrid werde ich einige Radioauftritte machen, aber in Deutschland werden wir dafür schon bald wieder mit Gov´t Mule unterwegs sein.
BU: Natürlich würde ich zuerst gerne über das neue Album „High & Mighty“ sprechen, das vor kurzem veröffentlicht wurde. Es ist meiner Meinung nach eine großartige Scheibe die sich jedoch sehr von ihrem Vorgänger „Deja Voodoo“ unterscheidet, und die alles in allem etwas dreckiger und aggressiver klingt. Da wir nur relativ wenig Zeit haben, würde ich gerne über die eher ungewöhnlichen Stücke auf dem Album reden, und der erste Song, der wirklich aus der Reihe fällt, ist wohl „Like Flies“. So „alternative-klingend“ hat man Gov´t Mule bisher noch nicht gehört.
WH: Ja, da hast Du wahrscheinlich Recht.
BU: Der Song klingt ziemlich düster. Kannst Du mir etwas über dieses Stück erzählen?
WH:

Bei diesem Song kam der Text zuerst und dann die Melodie. Der Text für diesen Song fiel mir ein, als ich tatsächlich einmal Urlaub hatte und mit meiner Frau im Auto unterwegs war.  Ich hatte gerade erfahren, dass mein Freund, der Bluessänger Little Milton gestorben war, sodass Teile des Textes definitiv davon beeinflusst worden sind. Ich schrieb das also irgendwo auf ein Stück Papier und hörte auch die Musik dazu in meinem Kopf, hatte aber im Auto keine Gitarre zur Hand. Ich musste also darauf hoffen, dass mir die Melodie nicht entfallen würde, bis wir zu unserem Zielort kamen, und das Hauptriff kam zum Glück immer wieder zu mir zurück. Mit der Band haben wir dieses Lied nie geprobt oder bei einem Soundcheck gespielt, bevor ich es mit ins Studio brachte, es war also ein brandneuer Song, und ich erinnere mich daran, dass ich Gordie Johnson (Co-Produzent und Tontechniker des neuen Albums) erklärte, was für einen Sound ich für dieses Lied wollte. Ich wollte, dass es wie etwas klingt, was Gov´t Mule so noch nie gemacht hatte. Es hat diese mechanische Struktur, besonders das Schlagzeug klingt sehr mechanisch, und Matt spielt einen unablässigen Lauf auf den Toms. Ich finde, es klingt fast hypnotisierend, aber auch sehr aggressiv.  Irgendjemand hat den Song mit Alice In Chains oder Soundgarden verglichen, und ich habe nichts dagegen, denn ich mag diese beiden Bands sehr – ich weiß nicht, ob ich diese Bands im Hinterkopf hatte, als ich das Lied geschrieben habe, aber ich kann definitiv verstehen, warum einige Leute diese Parallele ziehen.
BU: Wird das Green-Bullet-Mikro nun wieder auf Mule-Shows zum Einsatz kommen?
WH: (lacht) Vielleicht. Das Green-Bullet-Mikro bereitet so viele Probleme bei Live-Konzerten, aber vielleicht können wir diesen Sound live auch irgendwie anders herstellen, denn ich liebe den verzerrten Gesang. „Like Flies“ hört sich mit dem verzerrten Gesang und insgesamt ziemlich genau so an wie ich es in meinem Kopf gehört habe, also bin ich sehr zufrieden mit dem Song. Wir haben ihn zwar noch nicht live gespielt, aber bei einer Probe hörte er sich sehr gut an, also dürfte er live auch nicht mehr lange auf sich warten lassen.
BU: „Unring The Bell“ ist ein weiteres sehr ungewöhliches Stück für eine Gov´t Mule- Platte. Die Band hat zwar in den letzten Jahren des öfteren mal ein Reggaestück zum besten gegeben, aber „Unring The Bell“ ist der wohl erste richtige Gov´t Mule Reggaesong, in dem außerdem eine Menge Dub-Effekte und ähnliches zu hören sind. Wie kam es dazu?
WH: Den größten Einfluss darauf, wie der Song klingt, hatte wohl Gordie Johnson, besonders, wenn es um die Dub-Sounds geht, denn er ist ein absoluter Reggae-Fanatiker. Der Song ist, abgesehen von dem Gesang, ohne Overdubs live im Studio entstanden, und Danny Louis spielt ein wenig mit Reggaesounds herum, genau wie Gordie Johnson, der vom Mischpult aus einige Male spontan irgendwelche Dub-Effekte eingeworfen hat. Für Gov´t Mule war es das erste Mal, auf diese Art und Weise einen solchen Song aufgenommen zu haben. Wie Du schon sagtest, gab es einige reggae-beeinflusste Lieder in unseren Setlists, aber es war das erste Mal, dass wir einen solchen Song überhaupt aufgenommen haben, überhaupt im Studio.
BU: „Million Miles From Yesterday“ verfügt, besonders mit den Backround- Sängerinnen, ebenfalls über einen neuen Gov´t Mule Sound. Das Stück hätte ich mir auch sehr gut auf Deiner Solo-Platte („Tales Of Ordinary Madness“) vorstellen können.
WH: Es ist auch ungefähr zur gleichen Zeit entstanden wie „Tales Of Ordinary Madness“. Es ist das einzige Stück auf der neuen Platte, das nicht brandneu ist, alle anderen Lieder auf „High & Mighty“ sind irgendwann in den letzten 18 Monaten geschrieben worden. Ich hatte irgendwo ein Demotape von „Million Miles From Yesterday“ herumliegen, das ich kürzlich wieder gefunden habe, aber ich habe den anderen in der Band den Song trotzdem nur auf der Akustik-Gitarre vorgespielt, damit sie sich nicht zu sehr von dem Demo beeinflussen lassen, denn es ist immerhin über zehn Jahre alt. Also haben alle vier Musiker den Song gleichermaßen eigenständig interpretiert und beeinflusst. Es war einer der letzten Songs, den wir für das neue Album eingespielt haben, und die Tatsache, dass wir uns zum ersten mal Gospel-Backround-Sängerinnen dazugeholt haben, ist eine weitere Parallele zu „Tales Of Ordinary Madness“, denn auf dem Album hört man des Öfteren mal Backround-Sängerinnen.
BU: „Endless Parade“, eines der ruhigeren Stücke auf der Platte, sorgt für ein entspanntes Ende. Worum dreht es sich in dem Lied?
WH: Es geht um eine fiktive Figur, einen Musiker, der schon eine längere Reise hinter sich hat als ich zum Beispiel, und der dann viele der Entscheidungen, die er getroffen hat, in Frage stellt. Es geht darum also um Selbstfindung und dergleichen. Viele fragen mich, ob es in dem Song um mich geht und darum, wie ich mich fühle, und dann antworte ich, dass es um eine fiktive Person geht, aber natürlich geht es vielleicht auch ein wenig um mich selbst. Schließlich geht es uns allen wohl mal so, dass wir unsere Entscheidungen anzweifeln, oder?
BU: Ganz sicher. Den Song kann man sich übrigens auch sehr gut in einem Allman-Brothers-Set vostellen.
WH: Ja, vielleicht weil er so etwas wie eine Blues-Grundlage hat und wir ihn im Stil des 60er-Jahre-Bluessound aufgenommen haben. Gleichzeitig kommt der Text aber aus einer komplett anderen Ecke, sodass zwei verschiedene Stile miteinander kombiniert werden. Ich finde, dass die Platte mit diesem Stück ziemlich cool beendet wird, denn es gibt soviel Rock der härteren Gangart auf „High & Mighty“, dass man vielleicht ein etwas sanfteres begrüßt, wenn man erstmal dort angekommen ist. (lacht) Und dann gibt´s natürlich noch den Bonus- Song „3 String George“, den aufzunehmen einfach nur Spaß gemacht hat.
BU: …und der ganz offensichtlich eine kleine Huldigung an den Meters-Bassisten George Porter Jr. darstellt.
WH: Genau.
BU: Ich finde, das neue Album hört sich an einigen Stellen ziemlich „Led-Zeppelin-mäßig“ an, besonders Songs wie „Streamline Woman“, „So Weak, So Strong“ oder „Brighter Days“, und das soll ist auch in keiner Weise negativ gemeint…
WH: Nein, das ist es für mich auch nicht, denn immerhin war Led Zeppelin eine der größten Rockbands aller Zeiten.
BU: Wahrscheinlich ist dieser Zeppelin-Sound nicht vorsätzlich entstanden, aber ihr habt in den letzten Jahren viele Zeppelin-Nummern live gespielt. Hat das vielleicht einen Einfluss darauf gehabt?
WH: Natürlich möchten wir Bands wie Led Zeppelin einen gewissen Tribut zollen, ohne dass es nach einer billigen Kopie klingt, denn Led Zeppelin hatte mit Sicherheit großen Einfluss auf unsere Band. Ich denke, das hat man aber auch schon auf „Life Before Insanity“ deutlich gehört. Nicht, dass es sich so anhört, als würden wir versuchen, wie Led Zeppelin zu klingen, aber natürlich hört man derartige Einflüsse heraus. Besonders bei „Streamline Woman“ gibt es diesen Zeppelin-Einfluss, was zu einem großen Teil auch dem Schlagzeug-Sound zuzuschreiben ist. So, wie wir den Drums-Sound auf der gesamten neuen Platte festgehalten haben, klingt er schon dem von John Bonham sehr ähnlich, und ich liebe die Art, das Schlagzeug so aufzunehmen. Natürlich ist Matt Abts auch ein großer John Bonham-Fan. Heutzutage werden Drums nur noch sehr selten in dieser Art und Weise aufgenommen, und wenn man es dann doch mal so hört, bringt man es sicherlich automatisch mit Led Zeppelin in Verbindung. Mich überrascht es ehrlich gesagt, dass so wenige Bands die Ambitionen haben, ihren Drums-Sound derart aufzunehmen, denn ich finde, dass er so absolut großartig klingt. Aber auf der anderen Seite braucht man natürlich auch einen Drummer wie Matt Abts, der dazu überhaupt fähig ist. (lacht)
BU: Und den haben ganz bestimmt nicht viele Bands. Laut den Angaben im Booklet sind die Songs für das neue Album ausschließlich von Dir geschrieben worden. Wie groß ist der Einfluss von Matt Abts, Danny Louis und Andy Hess auf die Songs? Bringst Du sie komplett fertig mit ins Studio, oder entwickeln sie sich dort erst noch?
WH: Das besondere an dieser Platte war, dass Gordie Johnson und ich uns in Austin/TX vier Tage, bevor der Rest der Band kam, getroffen haben, um an den Arrangements der Songs zu tüfteln. Es war das erste Mal, dass ich die Gelegenheit und vor allem die Zeit hatte, vier ganze Tage nur den Abläufen und Arrangements zu widmen und eng mit dem Tontechniker zusammenzuarbeiten. Die Folge dessen war natürlich, dass sich einige Songs, die wir vielleicht als Band schon einmal geprobt hatten, teilweise noch enorm verändert haben, sodass wir sozusagen noch einmal von vorne anfangen mussten, als Matt, Danny und Andy eintrafen. Einige Songs waren natürlich ohnehin noch brandneu. Außer mir hatte also Gordie Johnson den größten Einfluss auf die Lieder - er lenkte sie teilweise in Richtungen, die ich bis dahin noch nicht in Betracht gezogen hatte. Der große Respekt, den ich vor Gordie als Freund, Musiker und Produzent habe, erlaubte mir, etwas von den Formen, wie ich sie im Kopf hatte, abzuweichen und sie in andere Hände zu übergeben. Als die Rohfassung der Songs dann erst einmal stand, trafen Matt, Danny und Andy ein, und wir haben noch einmal fünf komplette Tage damit verbracht, die Songs einzustudieren und zu arrangieren. Dann ist natürlich die Meinung von allen Beteiligten willkommen, sodass permanent an den Songs gearbeitet und etwas geändert wird. Auch wenn es meine Songs sind, möchte ich den anderen nicht vorschreiben, was sie zu spielen haben. Ich habe das Glück, mit diesen exzellenten Musikern in einer Band zu spielen, also ist es mir um einiges lieber, wenn sie den Songs ihre eigene persönliche Note geben. So erzielen wir außerdem das bestmögliche Resultat. Um noch mal auf das Schreiben der Songs zurückzukommen - ich hatte natürlich die groben Abläufe und Melodien geschrieben, bevor ich mich mit Gordie an die Feinheiten machte, es sind schon fertige Lieder, wenn man so will. Aber bis zu dem Moment, wenn das Tape mitläuft und wir die Aufnahmen beginnen, wird ständig etwas geändert.
BU: Und dann entwickeln sie sich live wahrscheinlich eh noch weiter…
WH: Das auf jeden Fall, ja.
BU: Da sind wir auch schon beim nächsten Thema. Es sieht nun so aus, als ob Gov´t Mule in regelmäßigen Abständen nach Europa kommt, was natürlich großartig ist, denn sehr viele Fans mussten darauf sehr lange warten. Habt ihr mit einem derart großen Interesse an Euch gerechnet, oder kam das eher überraschend? Warum haben es Gov´t Mule nicht schon zu Trio-Zeiten nach Europa geschafft?
WH: Wir hatten schon geplant, Europa zu touren, als Allen Woody noch gelebt hat, es hat aus diversen Gründen leider nie geklappt. Besonders Woody hätte die Reise sehr gerne angetreten, doch unglücklicherweise starb er sehr unerwartet, was natürlich sämtliche Pläne und damit auch eine Europatour auf Eis legte. Wir haben also nun etwas länger gebraucht, als wir eigentlich vorhatten. Als wir es dann letztes Jahr endlich geschafft haben, waren wir angenehm überrascht darüber, wie viele Menschen uns eigentlich sehen wollten und unsere Musik auch wirklich kannten.
BU: Viele der ersten Shows in Europa waren ja ausverkauft… (der erste Deutschlandgig sollte anfänglich im Logo (!) stattfinden, doch nachdem die Tickets innerhalb weniger Stunden vergriffen waren, wurde das Konzert in die Große Freiheit verlegt - ein ganz schöner Unterschied)
WH: Genau. Die Hamburg Show war schon Monate vor dem Termin ausverkauft, und das ist natürlich sehr schön zu wissen, wenn man die Reise antritt. Wenn man dann beim Auftritt merkt, dass tatsächlich die allermeisten Leute mitsingen, ist das natürlich noch besser. Das hatten wir natürlich so vorher nicht erwartet, aber als wir es erst einmal herausgefunden hatten, war es klar, dass wir Europa fortan öfter bereisen müssen und unbedingt wollen. Wir werden also auch in Zukunft versuchen, möglichst oft auf Europatour zu kommen und Konzerte in weiteren, anderen Städten zu spielen, aber wir haben wirklich alle das Gefühl, dass es in Europa und auch besonders in Deutschland ein großes Interesse an unserer Art von Musik gibt.
BU: Gibt es schon konkrete Pläne bezüglich der nächsten Europatour?
WH: Wir arbeiten gerade daran. Im Frühsommer sind schon einige Daten fest eingeplant, aber wir hoffen, dass wir es schaffen werden, schon im Januar oder Februar für einige Konzerte zu kommen.
BU: Mir ist aufgefallen, dass die Menschen auf Euren Konzerten in Europa wirklich sehr gute Zuhörer sind. Wenn ihr die Lautstärke runterfahrt, ist es erstaunlicherweise meistens sehr leise im Saal, was natürlich eine tolle Sache ist. Das habe ich bisher auf Konzerten in den Staaten so nicht erlebt, was natürlich auch daran liegen kann, das man Gov´t Mule in einer Stadt wie New York dreimal oder viermal im Jahr sehen kann, und so vielleicht das Besondere etwas verloren geht. Gibt es einen Unterschied zwischen dem europäischen und dem amerikanischen Publikum?
WH: Es gibt auf jeden Fall Unterschiede, wenn es ums Publikum geht. Das Publikum ist z.B. einer der Hauptgründe, warum einige amerikanische Blues- und Jazzmusiker nach Europa ziehen, um sich hier den Markt zu erschließen. Der Respekt, der dem Musiker hierzulande gezollt wird, ist wohl größer als in den Staaten, was vielleicht tatsächlich daran liegt, dass viele Leute ihre Lieblingsband buchstäblich im Garten sehen können, und das auch noch mehrere Male im Jahr. Wie Du sagtest, wenn man uns viermal im Jahr in der gleichen Stadt sehen kann, fängt es irgendwann an, weniger zu bedeuten. Das hat aber nicht zur Folge, dass weniger Leute kommen im Gegenteil, die Zuschauermengen werden immer größer und größer, und die Leute, die zu unseren Shows kommen, werden immer jünger, was natürlich auch sehr schön ist. Was das Publikum angeht, gibt es Unterschiede, die schwer zu erklären sind, aber es hängt mit Sicherheit auch vom jeweiligen Staat oder der jeweiligen Stadt ab, in der man spielt. In einigen Städten spielen wir vielleicht ein Set mit großem Traditional-Blues-Anteil, und es wird ein perfekter Abend, was dann aber wiederum in anderen Städten nicht so funktionieren würde.
BU: In den USA ist Gov´t Mule in den letzten Jahren mehr und mehr in die Jamband- Ecke gerückt worden. Vor kurzem habt ihr sogar eine Co-Headliner-Tour mit moe. absolviert, und ihr spielt regelmäßig auf dem Bonnaroo-Festival (Amerikas größtem Jamrock-Festival) - das wäre wahrscheinlich vor fünf oder sechs Jahren noch nicht so passiert. Begrüßt Du diese Entwicklung?
WH: Naja, Gov´t Mule war hinsichtlich dessen in den letzten Jahren in einer merkwürdigen Situation - wir wurden als Rockband und als Jamband bezeichnet. Es scheint, als stünden wir mit je einem Fuß in diesen beiden Welten, was natürlich insofern gut ist, dass wir in beiden Welten Fans haben. So ist es auch nicht ungewöhnlich, in der ersten Reihe auf einer Mule-Show jemanden mit einem John-Coltrane-Shirt neben jemandem mit einem Black-Sabbath-Shirt zu sehen (lacht), und das ist wohl ziemlich bezeichnend für das, was wir machen. Die Leute im Publikum kommen aus den unterschiedlichsten musikalischen Ecken und erwarten alle etwas anderes, wenn sie eine Mule-Show besuchen, und wir hoffen, dass wir alle Erwartungen erfüllen können. Man kann auf jeden Fall sagen, dass wir in der Jamband-Szene die wohl rockigste Band sind.
BU: Unter anderem ist es auch das, was Gov´t Mule zu einer einzigartigen Band macht…
WH: Ja, denn wenn wir etwas auf keinen Fall sein möchten, dann eine Band von vielen. Wenn jemand auf ein Gov´t Mule Konzert geht, wird er im Laufe der zweieinhalb Stunden oder mehr eine Menge unterschiedliche Musikstile zu hören bekommen, denen wir aber natürlich immer versuchen, den Mule-Stempel aufzudrücken.
BU: Wir sind leider schon fast am Ende angelangt, aber ich wollte mir die Gelegenheit heute nicht nehmen lassen, Dir auch eine oder zwei Fan-Fragen zu stellen. Also: Seitdem Gov´t Mule als Quartett unterwegs ist, sind mittlerweile alle Songs aus der Trio-Zeit live gespielt worden, außer einem, und zwar „Kind Of Bird“, das zu Zeiten Allen Woodys auf jeden Fall so etwas wie ein Aushängeschild für die Band war. Hat es einen bestimmten Grund, dass ihr ausgerechnet dieses Lied noch nicht wieder ausgegraben habt?
WH: (lacht) Das wusste ich selbst nicht. Nun ja, „Kind Of Bird“ ist einfach ein sehr komplizierter Song, und wir sind gerade dabei, ihn einzustudieren. Ich hoffe, wir können ihn auf der nächsten Tour wieder mit ins Set aufnehmen. Es ist so, dass wir erst seit kurzem die Zeit und die Ruhe haben, ab und zu an einem konkreten Song zu feilen und tatsächlich zu proben. Unsere Proben sind sonst immer die Soundchecks vorm Konzert. Die Allman Brothers haben den Song übrigens auch aus dem Repertoire genommen, weil er so kompliziert ist. (lacht) Aber ich freue mich darauf, ihn wieder live zu spielen.
BU: Letzte Frage: Seit etwa fünf Jahren spielt Derek Trucks an Deiner Seite bei den Allman Brothers, aber eigentlich hat er schon sein ganzes Leben lang von Dir und anderen Weltklasse-Musikern gelernt. Gibt es etwas, was Du von Derek Trucks gelernt hast?
WH: Ich glaube, in einer Band wie den Allman Brothers, in der nur ausgezeichnete und sehr talentierte Musiker am Werk sind, lernt jeder jeden Abend etwas vom anderen, auch wenn es nicht wirklich beschrieben werden kann. Es hat mit Sicherheit großen Einfluss auf meine Art zu spielen gehabt, dass ich die letzten fünfzehn Jahre mit diesen großartigen Musikern arbeiten konnte. Wahrscheinlich hat Derek Einfluss darauf gehabt, wie ich ein Solo in Angriff nehme, denn er hat eine sehr außergewöhnliche Spielweise bei so etwas. Wenn man jemanden sehr respektiert, mit dem man die Bühne teilt, so wie das bei uns der Fall ist, saugt man immer etwas von der Spielweise des anderen auf und verarbeitet es in seiner eigenen Spielweise.
BU: Ich kann es zwar nicht genau benennen, aber Dein Gitarrenspiel hat sich in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren auf jeden Fall geändert, also ist der Einfluss anderer nicht zu verkennen.
WH: Hoffentlich hat es sich zum Positiven verändert. (lacht)
BU: Das in jedem Fall. Dann sehen wir Dich mit Gov´t Mule hoffentlich schon im Januar. Vielen Dank für das Gespräch!